Fotografie kann mehr!

Marko Lipuš und seine Herangehensweise an die künstlerische Fotografie

Jemand erwähnte einmal, dass Fotografie die Seele des Abgebildeten stehlen würde,  nach der Betrachtung von Marko Lipuš Fotografien bin ich aber gezwungen diese Aussage zu hinterfragen. Seine portraitierten Personen in der Serie “31 Kratzungen” (Verfotografierungen) umfassen ausschließlich Autoren, die alle in ihren rätselhaften, leisen Gesichtern, mit einer poetischen Qualität aufgeladen sind. Ihr stilles Starren stellt dem Anschein nach einen Dialog mit dem Beobachter her. Der Künstler “zertrümmert” seine Bilder, um eine versteckte Persönlichkeit jedes Einzelnen zu unterstreichen. Folglich ist die Idee von den Kratzungen eine kritische Analyse der Eigenschaft immanenter Formen sowie deren Gesichtspunkte (Foto) und Zeichen (Text) zu verändern, ein Vermischen von Zeichen und Bild zu ermöglichen, wo eine Form das Merkmal der anderen annimmt.

Die Seite eines Buches wird dem Portrait des jeweiligen Autors fotografisch gegenübergestellt. Die Textseiten drücken eine repräsentative Meinung der Poesie der portraitierten AutorInnen aus. Der Text verursacht einen unmittelbaren Kontakt mit dem künstlerischen Ausdruck des Verfassers. Die Seiten des Buches sind vom Kontext des gesamten Romans extrahiert und stellen somit ein typisches Merkmal der Fotografie dar – die Aufnahme eines Moments.

Die fotografischen Portraits charakterisieren nicht nur die Portraitierten, sondern auch deren literarische Arbeiten. Durch den langen Arbeitsprozess (Kratzungen), wird die Bedeutung eines Fotos, das weit über die eines „Snap-shots“ hinausgeht, verstärkt. Diesem scharfsinnigen Prozess folgt eine genaue Beschreibung, eine Skizze und eine Interpretation. Die Fotografien nehmen somit eine “literarische” Eigenschaft an. Texte und die geschilderten Themen werden innerhalb des Portraits aufgezeigt, sozusagen auf eine experimentelle Weise (“Kratzungen”) in die fotografischen Portraits eingearbeitet. Das Gemeinsame ist, dass alle Arbeiten in der Malerei verwurzelt sind, da imaginierte Figuren und Texte “fotografisch abgeändert“ werden. Die Bilder, die der Leser bereits im Text imaginiert hat werden fotografisch sichtbar erweitert. Dem Leser/Betrachter wird folglich ein weiterer Schlüssel zur Interpretation angeboten.

Jedes Bild wird von einem Negativ auf Fotopapier (Baryth) ausbelichtet. Die “Collage” wird auf einem Negativ hergestellt und kann folglich reproduziert werden. Ein Faktum das mit traditionellen Collagen nie möglich gewesen war. Diese fotografische Eigenschaft – die Reproduzierbarkeit – stellt ein wesentliches fotografisches Merkmal dar. Ein anderer wichtiger Aspekt ist die Möglichkeit den Text im Portrait durch Symbole zu deuten, daraus resultiert auch eine Beibehaltung einer mehrfachen Deutungsmöglichkeit. Im Portrait (Original 150 x 110 cm) finden wir “explorative” Bilder, die zum Text und zur Arbeit des Portraitierten hinleiten.