Kratzungen – Echte Spielfiguren


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Bildband

EPEKA, Maribor, Slowenien, 2013
Broschüre, 40 Seiten, Softcover, ISBN 978-961-93338-2-2
Auflage 1000 Stück

PREIS: 7,00 €

Text über die Kratzungen – Echte Spielfiguren von Peter Tomaž Dobrila

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Details


60 x 60 cm | Auflage 5 + 2 e.a. | C-Print

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Medien

EUROPEAN MONTH OF PHOTOGRAPHY – MEMORY LAB

STADTGALERIE KLAGENFURT


KLEINE ZEITUNG

DELO


EUROPEAN MONTH OF PHOTOGRAPHY – ATHENS

MONTH OF PHOTOGRAPHY – BRATISLAVA


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Text

TOMAŽ DOBRILA

WIRKLICHE ANSEHNLICHKEIT

Wenn wir die Fotografie nicht bloß als das dokumentarische und wiedergebende Werkzeug, sondern vorwiegend als schöpferisches Medium verstehen, können wir in Marko Lipuš’s Ikonografie ziemlich heterogene Ansätze erblicken. Doch diese Vielfältigkeit in den einzelnen Serien seines fotografischen Opus bedeutet nicht ein Herumirren in den Ausdrucksmöglichkeiten und ein Suchen nach dem richtigen, entsprechenden und zusagenden Rahmen, der in einem unmittelbaren Zugang den Inhalt ersetzen würde. Vielmehr ist diese Verschiedenartigkeit Ausdruck der Freude am Durchstöbern der Schubladen der eigenen Interessen und ein Hereinbringen der Außenwelt in die Räume des Intimen. Darin ist der Grat seines Handelns, der sich vom Persönlichen, das freilich an erster Stelle ist, und Spielerischen bis Kritischen und Sozialen sowie auch entrüstet Scharfen bis lyrisch Zarten erstreckt.

In jedem Fall erscheinen Lipuš’s Fotografien, in denen die einzelnen Elemente zu einer kohärenten künstlerischen Aussage verbunden werden, als realistische Reminiszenzen unserer Welt, auch wenn er farbgebend, chollagierend und montierend häufig andere bildnerische Elemente einschiebt. Bei einigen lässt er zu, dass sie selbst mittels Spiel mit Licht und Schatten ihre Geschichten erzählen, deren Akteure sei es lebendige Menschen, sei es überarbeitete, übermalte Pseudo-Stripfiguren sind. Oft sind es auch Puppen bzw. Nachbildungen, Spielzeuge, die in ihrer Ernsthaftigkeit durch den fotografischen Abdruck ein unwahrscheinlich echtes Bild abgeben und schauderhaft darauf hinweisen, was in den Spielwarengeschäften den Kindern angeboten wird. Die Arbeit wird so zu einem Attribut des Überträgers, des Leiters, dessen Spannung uns nicht löst, stattdessen erschaudern lässt, und des Übersetzers, der unsere Oberflächlichkeit offenlegt, freilich wenn wir uns diese gleichzeitig auch eingestehen.

Beim Betrachten Markos Bilder entnehmen wir ihnen die Aussagekraft und Bildlichkeit, ihre formal-kompositorische Seite und Inhalt, ihre Materialität und Metaphorik. Wenn wir einen Blick in die Welt der Bilder werfen, fragen wir unwillkürlich nach unserer Realität in der virtuellen Welt, oder wir werden uns gar unserer Virtualität und niemandes Wirklichkeit, der Ohnmacht des einzelnen und der einzelnen bewusst, die zuerst als Individuen eingeschlossen sind in etwas, was wir gesellschaftliche Bindungen nennen, dann aber eröffnen sich uns die Verirrungen der breiteren Gesellschaft, die wie verhext in den Fäden hängt und nicht bemerkt und gar nicht sehen will, dass die marionettenhaften Strippenzieher mit jedem neuen Zucken die Fäden noch enger zusammenziehen, denn die Vorstellung muß fortgesetzt werden, sei sie so oder so betitelt und trage welche Überschriften auch immer.

Wie dem auch sei, die Benennungen, Definitionen, Deklarationen, täglich neu ausgedacht am laufenden Band, sind eben dieser Käfig, in den wir eingesperrt werden, wenn sie ununterbrochen das Subjekt und gleichzeitig das Objekt der Abhandlung verändern. Wir müssen in der virtuellen Wirklichkeit gehalten werden, wäre doch das Gegenteil, die reale Virtualität, für die Herrschenden zu gefährlich, für manch einen, der sich diese zuführen würde, aber schicksalhaft. Doch gerade Marko Lipuš wandelt auf diesem Terrain, wandert auf dem Weg der wirklichen Scheinbarkeit, innerhalb derer er die zivilisatorischen Wahnvorstellungen der heutigen Zeit bloßlegt. Diese Wahnvorstellungen sind keine unschuldigen Schaffensprozesse irgendwelcher Objekte für den Allgemeingebrauch oder gar von Spielsachen für das Kleine, aus dem das Große wächst, sondern sie sind Prinzipien des Handelns, die anschaulich die Konstellation der gesellschaftlichen Beziehungen, Verhältnisse zwischen Puppenspielern und Puppen bloßlegen.

Wenn wir die Erzählkraft Lipuš’s Fotografien ergründen wollen, müssen wir außerhalb ihrer Form und ihrer äußeren Dimension einen Blick werfen. Die Buntheit seiner Terminologie können wir im Verstehen seiner inneren Verhältnisse, im Erfühlen der inneren Dynamik erfassen. Wenn auch etwa nach Feststellung der Engagiertheit seiner Werke das Schreiben über Gefühle manchem auch fraglich erscheinen mag, so muß eben diese Ebene seines Schaffens betont werden. Die Intima gleitet die ganze Zeit momentweise über die Bilder, sie ist allgegenwärtig: in der Auswahl der Motivik, in der Wahl des Lichtes, im Einbringen der Farbe, in der Entscheidung über Motivik, in der Anlage der Zyklen und Serien und sogar auf dem ausgesuchten Gebiet, dem Portrait, der Figur, der Collage u.ä., ebenso im Gelände, im Atelier, drinnen, draußen, von wo überall die einzelnen Figuren ausgehen und unseren Wahrnehmungen und Empfindungen nachspüren auf Grundlage unserer Gefühle.

Gerade in der Vereinigung vielfältiger Welten erscheint die Verschiedenheit als einheitliche und einzigartige Bildgestaltung. Doch ist hier auch die Klippe, die wir „Lipuš’s Schwenk“ nennen können, wenn wir feststellen, dass diese adverbielle Vielfältigkeit tatsächlich eine Maske ist, die uns die „Puppenleute“ aufsetzen, während sie uns immer das eine und gleiche geben und verkaufen. Dazu ist Kunst da und deshalb verstehen wir auch die schöpferischen Prozesse Marko Lipuš’s als das Abnehmen dieser Masken, was um so klarer ist, da er tatsächlich mit ihr das fotografierte Gesicht abdeckt und die Figur in die Welt der Animation stellt, sie unter ihresgleichen versteckt, unter sich selbst ähnlichen. Darin steckt etwas Tribalistisches, als ob erst das versteckte, das zugedeckte Gesicht eines ist, das das richtige Bild abgibt, das dem Menschen erlaubt zu sein, sich zu zeigen, sich auszuprägen, zu fühlen und mitzuempfinden, zu existieren.

Wenn wir eine solche Fotografie erblicken, die oft entzweigehauen, zerschnitten ist und die in der vollen Nacktheit des eigenen Mediums das Fleischhafte ihrer Akteure, ihr blutiges Gespaltensein zeigt, das sie aber keineswegs von sich selber sich abwenden lässt. Ein andermal zeigt das Bild eine groteske, gezeichnete Gesichtsmimik, ähnlich in der Zeit festgefroren, als ob die Fotografie ohne irgendeinen Eingriff auskommt. Da fragen wir uns zuallererst, was wir betrachten, das Bild des Fotografierten oder die Fotografie des Bildes. Und wenn uns Zweifel befallen, vorbei an der Überlegung über die ästhetisierte Form und der Erwägung des symbolisierten Inhalts, sind wir auf gutem Weg, ganz besonders, wenn uns bewusst wird, dass wir diesen Weg rein zufällig und unabsichtlich, kurz augenblicklich und intuitiv eingeschlagen haben: in dieser Figur werden wir subtil Marko erblicken.