Photocartoons


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Bildband

Residenz Verlag, Österreich, 2016, ISBN 978-3-7017-3387-3

Bildband, 120 Seiten, Hardcover,
ISBN 978-3-7017-3387-3
Auflage: 1.300 Stück

PRICE: 19,00 €

Texte über die Bilder: Margit Zuckriegl & Felicitas Thun-Hohenstein
Text über Ravensbrück: Sabine Arend

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MEINHARD RAUCHENSTEINER

VON BILDERN UND TEXTEN – VON TEXTEN UND BILDERN

Prima la musica, poi le parole – sagt man so leichthin. Und wenn’s nicht gerade Schuberts „Erlkönig“ ist, glaubt man’s auch gerne. Von der „Ode an die Freude“ schweigen wir, aber insgesamt stellt sich dann doch die Frage: Wie ist das mit Vertonungen? Schon das Wort legt nahe, dass doch der Text zuerst und die musica das Spätere ist. Ja, chronologisch vielleicht. Doch besitzt die Chronologie für ein Kunstwerk Bedeutung? Mittlerweile ist schließlich auch das Plagiat zur hysterisch bejubelten Kunstform erhoben worden, an der Verlage und Hegemanns gut verdienen. Wen kümmert da schon die altmodische Frage, ob die Henne oder das Ei zuerst da war?
Aber vielleicht ist es außerhalb Berlins nicht so dringend notwendig, das Kind mit dem Bade auszuschütten, und vielleicht lohnt es sich, die schnoddrige Wurschtigkeit bei der Beurteilung der Fotocartoons von Marko Lipuš, um den es ja – ich hab vergessen, das eingangs zu erwähnen (Teufel aber auch) – eigentlich geht, kurz beiseite zu lassen.

Diese Fotocartoons – es sind so ungefähr viele an der Zahl – erschienen von März bis Oktober 2007 allwöchentlich in der Wochenendbeilage Album der österreichischen Tageszeitung Der Standard. Zugrunde lag ihnen die Einladung des Autors an diverse Schriftsteller, einen Gedanken zu formulieren, zu dem in weiterer Folge Bilder produziert werden sollten. Folgerichtig war die Intervention dann auch übertitelt: „Der Gedanke“. Wohlgemerkt: im Singular. Nun ist das an sich schon spannend, denn Schriftsteller produzieren Geschichten (oder Gedichte und so), weniger aber Gedanken. Diese bleiben weiterhin das Metier der Stammtische und Philosophen und wir wollen doch nicht diesen Berufsgruppen die Lebensgrundlage entziehen.
Aber dennoch und ausnahmsweise und der guten Sache wegen durften die Hüterinnen und Hüter des Narrativen im Abstrakten wildern. So etwa Thomas Glavinic, dessen Gedanke lautete: „Man soll nicht alles glauben, was man denkt.“ Unschwer erkennt man, dass hier vernünftelt wird, was für sich genommen ja legitim ist und ganz in Ordnung geht. Es spießt sich erst, wenn man an die bildliche Umsetzung denkt, die ja die selbstgewählte Aufgabe der Lipuš’schen Intervention darstellen sollte. Warum nämlich, so muss man sich fragen, gibt es von Kants „Kritik der reinen Vernunft“, von Hegels „Phänomenologie des Geistes“ (und so weiter) keine illustrierten Ausgaben? Entzieht sich das „Ding an sich“ der Darstellbarkeit? Wie sieht das „an und für sich“ aus? Hat es einen Leberfleck? Lächelt es? Arno Geiger liefert mit seinem Gedanken auch gleich ein weiteres Stückchen Hegel: „So schleicht die Geschichte ihrem Ende zu.“ Kant wiederum klingt in Sabine Scholls Gedanken, der da lautet: „Der Verstand gehört zum Haus.“ – Oder funkt hier Heideggers Seinshüttendenken dazwischen?
Wie dem auch sei, das Ausgangsmaterial für Marko Lipuš’ Cartoons ist alles andere als konkret. Und genau hier beginn sein kluges Spiel, das mit Ironie, einer Portion Sarkasmus und den Möglichkeiten der fotografischen Montagetechnik das Abstrakte konkretisiert und in diesem Prozess unweigerlich eine Auslegung, Festlegung, eine Interpretation liefert. Sabine Scholls „Gedanke“ etwa wird zum Parlamentsgebäude – von wegen Verstand! –, dessen Mittelrisalit eine Hundehütte mit angekettetem Hundsvieh bildet. Ein links zu sehendes Podest trägt einen Knochen als Säule, also doch wieder ganz Hegel, der so treffend wie apodiktisch-kantig schrieb: „Der Geist ist ein Knochen.“ – Dies den Herren des Hohen Hauses ins Logbuch geschrieben. Arno Geigers „Gedanke“ konkretisiert sich durch ein Auto mit überdimensioniertem Auspuff, einer Variante von Munchs „Schrei“ auf einer Landstraße und schließlich einem großmütterlichen Wecker ohne Zeiger. Was sagt uns das? Der Begriff „schleichen“ wird konterkariert durch ein Sinnbild des Geschwindigkeitsrausches, der Schrei erinnert an Schillers Satz „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht“, um schließlich als dysfunktionaler Wecker in Hegels Satz von der „schlechten Unendlichkeit“ zu münden. Dass Lipuš damit der Idee einer sinnbeladenen Stoßrichtung menschlicher Geschichte eine klare Absage erteilt, ohne sie ins pathetische Gewand der Desillusionierung zu kleiden, macht diesen Cartoon so sympathisch.

Freilich, die Illustrationen könnten auch ganz anders aussehen. Das unterscheidet sie von Cartoons, die Romanen entspringen, etwa Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ oder jene Serie von Comics, die die Kriminalromane von Leo Malet zum Inhalt hat. Diese zufälligen Beispiele, deren Pariser Fokus ebenfalls nichts als Zufall sein muss, zeigen, dass es bei Lipuš’ Fotocartoons um etwas anderes geht als darum, Anschaulichkeit herzustellen.
Wie anders seine Bilder funktionieren, kann erkennen, wer das Experiment unternimmt, sie nicht als Illustrationen, sondern umgekehrt die jeweiligen „Gedanken“ als Ekphrasis der Bilder zu begreifen. Bleiben wir vielleicht gleich bei der Konkretisierung von Scholls „Gedanken“ und kehren die Chronologie um. So könnte der Satz zu Lipuš’ Bild mit gleichem Recht lauten: „Uns alle behütet der Geist.“ Oder etwa wie die folgende Definition Foucaults, der irgendwo schreibt: „Kritik ist die Kunst, sich nicht so regieren zu lassen.“ Tausend andere Formulierungen sind ebenso zulässig und ebenso schlüssig, sobald die Beziehung zwischen Bild und Schrift hergestellt wird.
Mit einem Mal aber wurde aus dem Konkreten des Bildes das Abstrakte (oder Allgemeine) wie andersrum aus dem abstrakten Gedanken die Konkretion. – Und man darf nicht glauben, dass dieses Gedankenexperiment im Betrachten des Ganzen von Bild und Schrift nicht ebenso präsent wäre wie die Umkehrung. Unablässig verteilen sich die Rollen neu und produzieren ein Gebilde, das nicht zur Ruhe kommt.

Solches Wechselspiel trägt Lipuš darüber hinaus noch in die Idee der Autorschaft hinein: Links von jedem seiner Fotocartoons befand sich ein eigenes Fenster, das den Namen des Schriftstellers und jenen des Cartoonisten nannte. Von beiden Namen liefen Pfeile auf eine winkende Person, bestehend aus Mantel, Hut und winkender Hand. Wen zeigt diese Montage? Den Urheber des Bildes oder jenen des Textes? Mal diesen, mal jenen? Keinen von beiden? Stecken sie unter einer Decke, unter einem Mantel?

Unversehens finden wir uns im Bereich jener „Unentscheidbarkeit“ wieder, die Derrida in immer neuen Anläufen auf Tausenden von Seiten zu verdeutlichen versuchte, und die als Urteilsenthaltung, als epochê, schon der pyrrhonischen Skepsis bekannt war.
Den Fotokünstler Marko Lipuš mag immerhin eine andere Behauptung Derridas trösten, die da lautet: „Das letzte Wort haben immer noch die Bilder.“ – Doch auch das ist ja wieder ein Satz.